Neuraltherapie

Die Historie der Schmerzbekämpfung über eine Spritzenbehandlung ist noch relativ jung.
Erst in den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts wurden erste Versuche unternommen, auf diese Weise eine Schmerzreduktion herbeizuführen. Im Jahre 1883 gelang dem Wiener Ophthalmologen Koller die erste Augenoperation durch eine lokal gespritzte Kokainlösung.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich zum einen die Lokalanästhesie zu operativen Zwecken und zum anderen die Neuraltherapie zur therapeutischen Anwendung bei Schmerzen und Entzündungen.

Die Neuraltherapie ist keine Zauberspritze, auch wenn die häufigen spontanen Wirkungen diesen Eindruck vermitteln, sondern vielmehr eine Stimulationstherapie. Sie gehört in den Bereich der Reglulations- und Reflexmedizin. Ähnlich wie bei dem Nadelstich in der Akupunktur (s.o.) wird eine Schmerzhemmung auf und über die Rückenmarksebene „stimuliert“. Zusätzlich zur Akupunktur regt die Neuraltherapie funktionsgestörte Zellen durch das Schmerzmittel an, sich energetisch wieder aufzubauen. Diese funktionell eingeschränkten Zellverbände stellen die anatomische Grundlage von klinisch relevanten Schmerzbildern dar. Durch die von dem Lokalanästhetikum hervorgerufene Hyperpolarisierung der Zellen ist ein Energie-Transfer in die Zelle wieder möglich. Ist der Energieausgleich ausreichend erfolgt, können sich die Zellen und deren Umgebung wieder auf ein funktionell optimales Maß regulieren. Obwohl zur Neuraltherapie ein Medikament benötigt wird, handelt es sich jedoch nicht um eine medikamentöse Behandlung im klassischen Sinne, bei welcher ein Wirkspiegel im Körper erreicht werden muß. Es kommt einzig und allein darauf an, in der entscheidenden Gewebeschicht die krankhafte Reizleitung zu unterbrechen. Aus diesem Grunde ist auch nur ein kurz wirksames Lokalanästhetikum nötig und sinnvoll. Alle Prozesse in und um die Zellen herum können anschließend wieder normal funktionieren, welches die absolute Vorraussetzung zur weiteren erfolgreichen Behandlung und Abheilung der Beschwerden darstellt.

Unabdingbare Bedingung für eine erfolgreiche Neuraltherapie ist eine exakte Kenntnis der Anatomie, da das krankheitsauslösende Störfeld gefunden und das Lokalanästhetikum genau an die richtige Gewebestruktur gespritzt werden muss. Dies ist präzise über die osteopathische Untersuchung oder auch über die Computer-Regulations-Thermographie möglich. Die Injektion kann, muss jedoch nicht grundsätzlich in ein schmerzhaftes Areal erfolgen.
Es gilt letztendlich der Satz: „Jede Krankheit kann störfeldbedingt sein und jede Region des Körpers kann zum Störfeld werden.“ In diesem Zusammenhang muss nach Triggerpunkten von Muskeln, Narben, Verletzungsfolgen, Gelenkfehlstellungen, Gefühlsstörungen, aber auch nach Fremdkörpern, Herzschrittmacher, Spirale, Zahnfüllmaterial, Gelenkimplantaten und vielem mehr gesucht werden. Der Hauptanteil ist in der Kopf- und Beckenregion zu finden. Unter einem „nervalen Störfeld“ versteht man einen veränderten Zellverband (Gewebe), der als Reizquelle minimale Dauerreize aussendet, die humorale, immunologische und vegetative Regelkreise belasten. Der menschliche Körper ist in der Lage, zum Teil jahrelang Störfelder zu kompensieren. Der Zeitpunkt, an dem jedoch die bis an die Grenze belasteten Regelkreise zusammenbrechen, ist nicht vorherzusehen und durch banale Dinge, wie z. B. Infektionen, psychische Belastungen u.a. jederzeit auslösbar. Nun treten Gelenkbeschwerden oder Erkrankungen (Bauchschmerzen, Migräne usw.) auf, für die es keine plausible Erklärung gibt.

Treten nach einer Neuraltherapie folgende Phänomene auf, kann von der korrekten Identifizierung des entscheidenden Störfeldes ausgegangen werden: Schmerzveränderung oder Schmerzfreiheit für wenige Stunden nach der ersten Therapie, Reproduzierbarkeit der Wirkung in der zweiten Sitzung und Verlängerung der Schmerzlinderung von Behandlung zu Behandlung. In 50% der Fälle kommt es aufgrund einer überschießenden Gegenregulation des Organismus auch zu einer temporären Erstverschlimmerung von 1-3 Tagen, was jedoch als positives Zeichen verstanden werden muss. Anschließend beginnt der Heilungsprozess, der durch andere Maßnahmen unterstützt werden kann.

Somit gilt der Satz: Das Lokalanästhetikum ist ein segenreiches Mittel in der Hand des kundigen Therapeuten. Bei meiner täglichen Arbeit mit Beschwerdebildern dient die Neuraltherapie auch als entscheidende diagnostische Möglichkeit, die Ursachen gezielt einzugrenzen.